Gefährliche Listenhunde oder liebenswerte Kampfschmuser?

16. November 2021

Manche Hunde haben in Deutschland keinen leichten Stand. Vertreter von Rassen wie Rottweiler, Pitbull Terrier oder Bullterrier werden als Listenhunde – oder im Volksmund auch Kampfhunde – bezeichnet. Um einen solchen Hund zu halten, musst Du je nach Bundesland besondere Anforderungen erfüllen. Doch nicht immer sind Listenhunde wirklich gefährlich – im Gegenteil: Oftmals handelt es sich um liebevolle und verschmuste Familienhunde.

Was ist ein Listenhund?

Als Listenhunde bezeichnet man Hunde, die einer Rasse angehören, welche in Deutschland als gefährlich eingestuft wird. Dabei ist es unerheblich, ob der einzelne Hund jemals ein auffälliges Verhalten an den Tag gelegt hat. Es genügt, dass er einer bestimmten Rasse angehört, um als Listenhund zu gelten. Der Grund: Man geht davon aus, dass bestimmte Rassen ein größeres Aggressionspotenzial haben als andere. Allerdings ist diese Annahme umstritten.

Fest steht: Die Hunde, die in der Umgangssprache häufig auch als Kampfhunde bezeichnet werden, wurden ursprünglich dafür gezüchtet, um an Tierkämpfen teilzunehmen. Sie sind daher besonders muskulös und kräftig. Damals wurden die Kampfhunde darauf trainiert, gegen andere Hunde zu kämpfen – oder auch gegen Bären oder Bullen.

Die Tierkämpfe stammen ursprünglich aus England, wurden aber 1835 verboten. Nachdem 1860 zahlreiche Menschen aus England nach Amerika auswanderten, kamen auch die einstigen Kampfhunde mit: Insbesondere die Rassen American Staffordshire Terrier und American Pitbull Terrier wurden dann auch in den USA für Tierkämpfe eingesetzt.

Bis heute werden die einstigen Kampfhunde noch häufig vorverurteilt – auch bei uns in Deutschland. Wegen ihrer vermeintlich aggressiven Art werden in den einzelnen Bundesländern Listen mit potenziell gefährlichen Hunderassen geführt – auch, wenn viele Vertreter dieser Rassen ein sehr sanftes Gemüt haben. Deshalb bezeichnet man die betroffenen Hunde heute auch nicht mehr als Kampfhunde, sondern als Listenhunde.

Warum wurden Rasselisten eingeführt?

Im Jahr 2000 wurde ein Kind in Hamburg-Wilhelmsburg von zwei Hunden angegriffen und getötet – und zwar von einem Pitbull und einem Staffordshire Terrier. Sie gehörten einem vorbestraften Hundehalter. Daraufhin wurde im Bundestag und in den Medien sehr kontrovers über gefährliche Hunderassen diskutiert. Am 21. April 2021 beschloss der Bundestag ein neues Gesetz zur Bekämpfung gefährlicher Hunde. Dort steht geschrieben, dass folgende Rassen nicht vom Ausland nach Deutschland eingeführt werden dürfen:

  • Pitbull Terrier
  • American Staffordshire Terrier
  • Staffordshire Bullterrier
  • Bullterrier

Dasselbe gilt für Mischlinge, die mit den genannten Hunderassen gepaart wurden. Darüber hinaus erstellten die Bundesländer Rasselisten, wo sie alle – ihrer Meinung nach – gefährlichen Rassen auflisten. Jedes Bundesland entscheidet dabei selbst, welche Rassen auf die Rasselisten kommen.

16 Bundesländer – 16 verschiedene Regeln für Listenhunde

In jedem Bundesland gibt es andere Rasselisten und Regeln für Halter, die einen sogenannten Listenhund besitzen. Manche Bundesländer verzichten unterdessen komplett auf die Rasseliste, da immer deutlicher wird, dass von den Hunden bestimmter Rassen kein nachweislich höheres Risiko für eine Attacke ausgeht. So sieht die Situation derzeit in den einzelnen Bundesländern aus:

1. Rasselisten in Baden-Württemberg

Als Listenhunde gelten in Baden-Württemberg American Staffordshire Terrier, Bullterrier und Pitbull Terrier. Die Gefährlichkeit kann aber per Wesenstest widerlegt werden. Mit den Rassen darf nicht gezüchtet werden. Auch Hunde neun weiterer Rassen können als Kampfhund bewertet werden, wenn sie eine erhöhte Aggressivität gegen Menschen und Tiere zeigen.

2. Listenhunde in Berlin

Wer einen Hund der Rassen Pit Bull, American Staffordshire Terrier oder Bullterrier halten möchte, muss dies bei den Behörden melden. Es muss nachgewiesen werden, dass der Hund auf legalem Weg nach Deutschland gelangt ist. Auch ein Sachkundenachweis ist erforderlich.

3. Listenhunde in Bayern

In Bayern unterscheidet man zwei Kategorien von vermeintlich gefährlichen Hunderassen. Hunde der Kategorie 1 gelten unwiderlegbar als aggressiv. Das gilt für Pit Bull, Bandog, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Terrier und Tosa Inu. Darüber hinaus gibt es die Kategorie 2 mit Hunderassen, die ebenfalls als aggressiv eingestuft werden. Allerdings kann der Halter diese Einstufung durch ein Gutachten widerlegen lassen. Lies hier, welche Hunderassen in Bayern der Kategorie 2 zugeordnet werden.

4. Rasselisten in Bremen

In Bremen werden Vertreter der Rassen Pit Bull Terrier, Staffordshire Bullterrier und American Staffordshire Terrier sowie Kreuzungen mit diesen Rassen als gefährlich angesehen. Weiterhin gelten einzelne Hunde als gefährlich, die bereits gebissen haben – egal, ob Mensch oder Tier –, sofern die Bissattacke nicht nur zur Verteidigung des Halters diente.

5. Listenhunde in Brandenburg

Fünf Hunderassen werden in Brandenburg als gefährlich eingestuft: American Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier, Bullterrier, Staffordshire Bullterrier und Tosa Inu. Auch einzelne Hunde anderer Rassen mit erhöhter Aggressivität, die beispielsweise wiederholt Menschen und Tiere anspringen, werden als gefährlich betrachtet.

6. Listenhunde in Hessen

In Hessen gelten zahlreiche Rassen als potenziell gefährlich. Das gilt für:

  • Pit Bull Terrier
  • American Pit Bull Terrier
  • American Staffordshire Terrier
  • Staffordshire Terrier
  • Staffordshire Bullterrier
  • Bullterrier
  • American Bulldog
  • Dogo Argentino
  • Fila Brasileiro
  • Kangal (Karabash)
  • Kaukasischer Owtscharka
  • Rottweiler

Für die Haltung müssen besondere Voraussetzungen erfüllt werden. Auch andere Hunde gelten als gefährlich, sofern sie durch Aggressivität oder Beißen auffallen.

7. Rasselisten in Hamburg

Hamburg stuft die Rassen Pitbull Terrier, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Bullterrier sowie Mischlinge mit diesen Rassen als gefährlich ein. Darüber hinaus gibt es etliche Rassen, die als gefährlich gelten. Hier kann der Halter allerdings einen Wesenstest durchführen, um die Gefährlichkeit zu widerlegen. Mehr Informationen zu den Rasselisten in Hamburg findest Du in diesem Artikel.

8. Listenhunde in Niedersachsen

In Niedersachsen wurde die Rasseliste abgeschafft. Es ist generell ein Sachkundenachweis erforderlich, wenn Du einen Hund halten möchtest. Automatisch als sachkundig gilt, wer in den letzten zehn Jahren wenigstens zwei Jahre lang einen Hund hatte. Es gibt ein Zentralregister für alle Hunde und ihre Halter sowie eine Pflicht zur Kennzeichnung mit einem Chip.

9. Kampfhunde in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern gelten American Pitbull Terrier, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Bullterrier als Listenhunde. Nur, wenn ein beauftragter Tierarzt bestätigt, dass ein Vertreter dieser Rasse nicht besonders angriffslustig oder kampfbereit ist, ist die Haltung erlaubt.

10. Listenhunde in Nordrhein-Westfalen

Für folgende Hunderassen benötigen Hundehalter eine behördliche Genehmigung: Pittbull Terrier, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Bullterrier. Sie gelten als gefährlich, weswegen Maulkorbzwang und Leinenpflicht bestehen. Für weitere Rassen können die Behörden einen Wesenstest anordnen.

11. Rasselisten in Rheinland-Pfalz

Die Hunderassen American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Pit Bull Terrier gelten als gefährlich. Sie benötigen einen Chip und unterliegen einem Maulkorbzwang. Auch Hunde, die ein aggressives Verhalten an den Tag legen und andere Tiere oder Menschen verletzt haben, werden als gefährlich eingestuft.

12. Listenhunde in Sachsen

Die Hunderassen American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Pit Bull Terrier gelten als gefährlich. Sie benötigen einen Chip und unterliegen einem Maulkorbzwang. Auch Hunde, die ein aggressives Verhalten an den Tag legen und andere Tiere oder Menschen verletzt haben, werden als gefährlich eingestuft.

Die Hunderassen American Staffordshire Terrier, Bullterrier und Pitbull Terrier beurteilt man in Sachsen als gefährlich. Dasselbe gilt für einzelne Hunde, die besonders aggressiv gegenüber Menschen oder anderen Tieren sind. Diese Hunde und Hunderassen dürfen nicht für die Zucht oder den Handel eingesetzt werden. Außerdem müssen sich Halter an den Maulkorbzwang und die Leinenpflicht halten.

13. Rasselisten in Saarland

Mit den als gefährlich eingestuften Hunderassen wie American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und American Pit Bull Terrier darf nicht gezüchtet werden. Nur mit entsprechendem Sachkundenachweis und polizeilichem Führungszeugnis wird eine Haltung erlaubt. Dasselbe gilt für Hunde, die in der Vergangenheit bereits durch Aggressivität und Bissigkeit aufgefallen sind.

14. Listenhunde in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt gehören Hunde der Rassen Pitbull-Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier und American Staffordshire-Terrier allgemein als Listenhunde. Dazu können Hunde aller Rasen als gefährlich eingestuft werden, wenn diese besonders angriffslustig sind oder bereits Menschen gebissen haben. Für die Haltung eines als gefährlich eingestuften Hundes oder eines Listenhundes muss der Besitzer einen Wesenstest sowie eine Genehmigung zur Haltung vorweisen.

15. Listenhunde in Thüringen

Thüringen hat keine Rasselisten mehr. Jeder Hund kann als gefährlich eingestuft werden, wenn er bissig oder angriffslustig ist oder in der Vergangenheit andere Tiere verletzt hat. Wird ein Hund als gefährlich eingestuft, ist ein Wesenstest erforderlich. Der Halter benötigt einen Sachkundenachweis und eine Halteerlaubnis. Leinenpflicht und Maulkorbzwang müssen eingehalten werden.

16. Listenhunde in Schleswig-Holstein

Hier gibt es ebenfalls keine Rasselisten. Nur Hunde, von denen auch wirklich eine Gefahr ausgeht, werden als gefährlich eingestuft. Dazu gehört, dass sie Menschen aggressiv bespringen, beißen oder anderen Tieren nachstellen. Wurde ein Hund als gefährlich beurteilt, kann der Halter nach zwei Jahren einen Wesenstest durchführen lassen, damit die Ungefährlichkeit bewiesen werden kann.

Sind Listenhunde wirklich gefährlicher als andere Hunde?

Das Thema Listenhunde wird in Deutschland sehr kontrovers diskutiert. Unserer Meinung nach werden die Vertreter der Rassen, die von den Bundesländern als gefährlich eingestuft werden, häufig vorverurteilt. In Einzelfällen mögen Listehunde in der Vergangenheit negativ durch Attacken auf Menschen aufgefallen sein. Fast immer ist es aber eher der Hundehalter, der in diesem Fall die Verantwortung trägt. Denn: Die Rasse allein lässt einen Hund noch nicht aggressiv werden.

Wenngleich die genetische Veranlagung eine Rolle spielt, ist es in erster Linie die Erziehung und die Haltung, die das Verhalten eines Hundes beeinflusst. Sprich: Auch ein vermeintlich gefährlicher Listenhund kann zum treuen und kinderlieben Familienhund werden, wenn er eine gute Erziehung erfährt. Als Halter eines sogenannten Listenhundes solltest Du ruhig und besonnen sein, aber auch über Durchsetzungsvermögen verfügen. Außerdem ist es wichtig, dem Vierbeiner ausreichend körperliche und geistige Beschäftigung zu ermöglichen.

Fest steht aber auch, dass sich Listenhunde eher nicht für Hundeanfänger eignen. Mangelnde Sachkunde des Hundehalters kann nämlich zu einem aggressiven Verhalten führen, was gerade bei den kräftigen und muskulösen Listenhunden mit ihrer meist niedrigeren Reizschwelle fatal ist. Aber prinzipiell kann jeder Hund bei falscher Erziehung aggressiv werden – auch ein treuer Schäferhund. Deshalb finden wir den Ansatz in Niedersachsen vorteilhaft: Jeder Hundehalter sollte einen Sachkundenachweis erbringen, egal, welcher Rasse der Hund angehört.

Listenhunde sind nicht immer aggressiv

Fazit: Durch Rasselisten werden viele Hunde vorverurteilt

Die Hundegesetze der einzelnen Bundesländer zeigen, dass es keine Einigkeit darüber gibt, welche Hunderassen nun als gefährlich gelten und welche nicht. Wir würden uns wünschen, dass nicht komplette Hunderassen vorverurteilt werden, sondern jeder Hund als Individuum betrachtet wird und eine Einstufung als „gefährlich“ nur erfolgt, wenn es konkrete Anlässe gibt. Die drei Bundesländer Thüringen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gehen hier bereits mit gutem Beispiel voran. Natürlich mögen manche Hunderassen aufgrund ihrer Größe, des Körperbaus und der Zuchtgeschichte gefährlicher wirken als andere. Aber: Mit einem erfahrenen und einfühlsamen Halter an seiner Seite, kann jeder Hund sanftmütig und liebevoll sein – und nicht zum Kampfhund, sondern zum Kampfschmuser werden.

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