Haben Tiere Gefühle? Und was bedeutet das für den Menschen

Hunde , Katzen , Tierschutz

7. September 2021

‚Tiere haben Gefühle und das wird jetzt in Großbritannien gesetzlich verankert‘ heißt es dieser Tage in vielen Schlagzeilen. Tatsächlich haben hat der Inselstaat ein Gesetz verabschiedet – doch definiert dieses die Empfindungen von Tieren und schützt diese? Nein. Tatsächlich bezieht sich diese bedeutende Schlagzeile auf einen Kommentar des Umweltministers George Eustice zum neuen Gesetz. Natürlich kann er stolz darauf sein, dass Großbritannien dieses Thema aufgegriffen hat und einen Weg gefunden hat, gesetzlich zu verankern. In einem Interview sagte er, dass alle Wirbeltiere, die ein Rückenmark haben, Gefühle haben. 

Das sind jedoch zwei verschiedene Paar Schuhe. Das Eine ist das neue Gesetz in Großbritannien und das Andere das Verständnis und die Anerkennung, dass Tiere Gefühle haben. 

Höhere Strafen für Tierquälerei in Großbritannien

Beginnen wir mit dem neuen Gesetz in Großbritannien, das bereits seine letzten Hürden überwunden hat, von der Queen unterzeichnet wurde und noch dieses Jahr in Kraft tritt. Darin werden die Höchststrafen für Tierquälerei angehoben, die vorher auf einem besonders niedrigen Level waren. Mit dem neuen Gesetz wird das maximale Strafmaß von vorher 6 Monaten auf 5 Jahre Gefängnis angehoben. Es bezieht sich auf Tierquälerei, sowohl durch Einzelne als auch organisiert. Mit 5 Jahren Haft ist Großbritannien damit einer der Vorreiter in Sachen Tierschutz, denn in Europa liegt die Strafe durchschnittlich bei 2,04 Jahren (Quelle: Briefing Paper Nr. 8612 zum Animal Welfare (Sentencing) Bill, 10. März 2021). 

Allerdings hat das Gesetz, das in England und Wales Anwendung findet, auch Schwachstellen und eine der bedeutendsten ist, dass das Gesetz zwischen domestizierten Tieren und wildlebenden Tieren unterscheidet. Ursache dafür ist, dass sich das Gesetz auf den Animal Welfare Act von 2006 bezieht, jedoch entsteht dadurch eine ungerechte Ungleichheit, die man kaum nachvollziehen kann. Weshalb sollte das bewusste Quälen einer wilden Katze nicht ebenso hart bestraft werden wie bei einer Hauskatze? 

Hat George Eustice nicht gesagt ‚alle Wirbeltiere haben Gefühle‘? Und wenn dem so ist, wieso werden dann nicht alle gleich behandelt? 

Haben Tiere Gefühle? 

Ob Tiere Gefühle haben lässt sich oberflächlich und impulsiv betrachtet sicherlich mit einem klaren ‚Ja‘ beantworten. Jeder von uns kann aus dem Verhalten von Tieren schließen, dass diese Freude und Angst, Zuneigung und Abscheu, Stress und Ausgelassenheit, Sorge und Neugier verspüren. Doch lässt sich diese Hypothese auch wissenschaftlich untermauern?  

Die Antwort auf diese Frage ist sehr komplex und wie vieles in der Wissenschaft nicht eindeutig. Dass es sich um ein spannendes Thema handelt, dass immer weiter erforscht und untersucht wird ist unumstritten. Ganze Kongresse werden mit Themen rund um die Gefühle und Emotionen von Tieren gefüllt, so beispielsweise der Animalicum Kongress. 

Falls Du Dich dafür interessierst, wo die Abgrenzung zwischen Emotionen und Gefühlen liegt, findest Du im Blog von Ethnologisch – Verhalten Verstehen eine ausführliche und sehr eingängige Beschreibung. 

Fakt ist, dass bei Tieren kognitive Prozesse stattfinden und sie differenzierte Reaktionen auf Reize zeigen. Verhaltensbiologen Prof. Dr. Norbert Sachser geht sogar noch etwas weiter und beschreibt in seinem Buch „Der Mensch im Tier“, dass Tiere nicht nur instinktiv reagieren, sondern Emotionen und Verhalten auch durch Lernprozesse, Umwelteinflüsse und Sozialisation bewusst beeinflusst werden können. Das ist eine wichtige Erkenntnis, da sie aufzeigt, dass Tiere denken und sich weiterentwickeln. Sie haben Gefühle und diese sind nicht rein triebgesteuert, sondern bewusst und ernst zu nehmen. 

Ein weiterer Aspekt der Betrachtung von Sachser, dem sicherlich auch jeder Tierarzt, Tiertrainer und Tierhalter zustimmen würde ist, dass Tiere von intensiven sozialen Beziehungen und positiven Emotionen profitieren. Diese ziehen positive Reaktionen nach sich, die Bindungen stärken und sogar stresslindernd wirken. In der Zukunft könnten und sollten diese Erkenntnisse jedoch nicht nur auf unsere Haustiere, sondern auch auf Nutztiere übertragen werden und die Haltung und das Leben dieser beeinflussen. Denn wenn wir in unserer Gesellschaft anerkennen, dass Tiere Emotionen und Gefühle haben, dann sollten wir diese auch unbedingt bei der Haltung und Pflege aller Tiere berücksichtigen. Zu diesem Schluss kommen auch die Referenten auf dem Animalicum Kongress 2019. Einen kleinen Ausschnitt aus dem Programm kann man hier nachhören

Für uns steht fest: Tiere haben Gefühle und Emotionen. Und wir begrüßen es sehr, dass die Wissenschaft sich dieses Themas intensiv annimmt und es einen hohen Stellenwert erlangt hat. Wir erkennen die Gefühle anhand körperlicher Reaktionen unserer Haustiere und wünschen uns, dass die Erkenntnisse hinsichtlich der Emotionen von Tieren auf alle Tierarten ausgeweitet werden, bzw. weiter erforscht werden. Denn das Zusammenleben von Mensch und Tier ist eine wunderbare Sache, die sich stets nur zum Besseren wenden kann. Gleichzeitig ist es wichtig darauf zu achten, dass Tiere eigene Bedürfnisse und Anforderungen haben und nicht anthropomorphisiert, d.h. vermenschlicht werden. Ein Risiko, das besonders im Bereich der Haustiere sehr ernst genommen werden sollte. 

Auch Menschen profitieren von den Gefühlen der Tiere

Im Gegensatz zu den Gefühlen von Tieren sind die Gefühle von Menschen sehr intensiv erforscht. Und eines ist ganz klar: nicht nur Tiere, auch Menschen profitieren von intensiven sozialen Beziehungen zwischen Mensch und Tier – auch auf Menschen haben diese eine extrem beruhigende und entspannende Wirkung. Der Kontakt zu Tieren verleiht uns Menschen oft ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Freude. Beim Streicheln von Hunden werden erwiesenermaßen euphorisierende und schmerzlindernde Endorphine ausgestoßen. Das macht unsere Beziehung zu Tieren so wertvoll und ist ein wichtiges Argument dafür, weshalb wir alle unsere Tiere angemessen kennen und behandeln sollten. Denn wenn wir die Gefühle der Tiere akzeptieren und in unsere Beziehung einbinden wird das einen positiven Effekt auf das Zusammenleben haben. 

Achtung: Achte bei den Streichel- und Knuddeleinheiten mit Deinem Tier auf das richtige Maß und beobachte sein Verhalten. Hinweise, worauf zu achten ist, findest Du unter anderem in diesem Bericht von „Mein Hund und ich“

Positive Gefühle schätzen und erhalten

Wenn wir alles richtig machen, unsere Tiere als Sozialpartner in unser Leben integrieren und eine enge Bindung zu ihnen aufbauen wachsen sie uns richtig ans Herz. Doch im Vergleich zum Menschen ist die Lebensspanne unserer Tiere leider viel zu kurz und die Gefühle für unsere Tiere schlagen bei Verlusten natürlich in große Trauer um. Umso wichtiger ist es, die schönen Erinnerungen zu behalten und uns dessen bewusst zu sein, welche wunderbaren Erlebnisse wir mit unseren Tieren hatten. Mit unserem Verhalten und den Erkenntnissen aus der Wissenschaft können wir schöne Gefühle in Tieren erzeugen, sie wertschätzen und ihnen ein wunderschönes artgerechtes Leben bieten. Diese Erkenntnis sollten wir über den Verlust eines Tieres hinaus mit uns tragen. Auch wenn das nichts an unserer Trauer über einen Verlust ändert, können wir unsere Gefühle auf die schönen Erinnerungen projizieren und uns somit positive Emotionen erhalten. Dabei helfen kleine Erinnerungsstück, Fotos oder auch ein PetTwin, den Du sogar ersatzweise streicheln und knuddeln kannst, während Du das Abbild Deines vierbeinigen Freundes anschaust. Eine schöne Idee ist auch eine Urne, aus der ein Erinnerungsbaum wächst. Such Dir einfach ein Andenken, das zu Dir passt und Deinen Emotionen gerecht wird. 

Fazit

Für uns Tierfreunde ist es ganz eindeutig und die Wissenschaft tendiert mittlerweile auch dazu: Tiere haben Gefühle. Es werde wissenschaftlich aber auch rechtlich immer mehr Schritte in die richtige Richtung unternommen: nämlich anzuerkennen, dass Emotionen und Gefühle verschiedenster Arten bei Tieren vorhanden sind und nicht rein instinktgesteuert ausgelebt werden. Großbritannien hat einen großartigen Schritt im Tierschutz unternommen, indem es die Strafen für Tierquälerei bedeutend angehoben hat. Das ist ein wunderbares Signal und eine Motivation, weitere Schritte in diese Richtung zu unternehmen. Und auch wenn die Forschung noch nicht 100% klare Aussagen treffen kann ist uns doch bewusst, dass man mittlerweile nicht mehr abstreiten kann, dass es nicht nur für die Tiere aber auch für die Beziehung zwischen Mensch und Tier klare Vorteile hat, wenn wir die Emotionen anerkennen und zulassen. 

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