Umstrittenes Antibiotikaverbot für Tiere: Was Du jetzt wissen solltest

19. Oktober 2021

Seit dem Sommer 2021 sind viele Haustierbesitzer besorgt: Eine neue EU-Verordnung sah vor, die Gabe bestimmter Antibiotika an Tiere zu verbieten. Daraufhin schlugen Tierärzte und Tierhalter Alarm und sahen das Leben vieler Haustiere bedroht. Sie betonten, dass eine adäquate Behandlung von Haustieren dann nicht mehr möglich wäre. Das Antibiotikaverbot für Tiere ist und bleibt umstritten – und auch, wenn nach der Abstimmung des EU-Parlaments im September viele Tierhalter aufgeatmet haben, ist das Thema längst noch nicht vom Tisch. Wir haben hier alle aktuellen Informationen zu diesem Thema für Dich zusammengefasst, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Droht ein Antibiotikaverbot für Tiere?

Worum geht es beim Streit um das Antibiotikaverbot für Tiere?

Bereits im Jahr 2019 wurde die neue EU-Verordnung 2019/06 verabschiedet, die das Antibiotikaverbot für Tiere regeln und im Januar 2022 in Kraft treten soll. Seit dem Sommer 2021 liefen nun die Verhandlungen darüber, welche Antibiotika verboten werden sollen – und diese Diskussionen schlug große Wellen. Denn: Eine Abstimmung des Ausschusses für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit des EU-Parlaments (ENVI) führte zu der Forderung, auch Antibiotika zu verbieten, die für einige Erkrankungen bei Katzen, Hunden, Pferden, Kaninchen und anderen Haustieren benötigt werden. Das hätte bedeutet, dass nicht mehr nur sogenannte Nutztiere aus der Massentierhaltung von dem Verbot betroffen wären, sondern auch Haustiere. Daraufhin waren viele Tiermediziner entsetzt. Für ein strengeres Verbot gestimmt hatten vor allem die Grünen, welche die Ängste der Tierärzte und Tierhalter als unbegründet einschätzten.

Warum soll es ein Antibiotikaverbot für Tiere geben?

Mit einem Antibiotikaverbot für Tiere soll vermieden werden, dass sich multiresistente Keime bilden. Diese entstehen, wenn Antibiotika zu häufig eingesetzt werden. Infolgedessen schlagen die Medikamente bei einer Behandlung nicht mehr an – mit verheerenden Folgen: Rund 33.000 Menschen sterben europaweit jährlich durch Erkrankungen an resistenten Keimen, gegen die das Antibiotikum keine Wirkung zeigt. Zwei Faktoren sind maßgeblich für die Bildung multiresistenter Erreger: Erstens der teils übermäßige Einsatz in der Humanmedizin und zweitens die unkontrollierte Verabreichung in der Tierhaltung – insbesondere in der Massentierhaltung.

Hier sind die Haltungsbedingungen oft so schlecht, dass auch gesunden Tieren Antibiotika verabreicht werden, um einer Erkrankung vorzubeugen. Im Körper des Tieres können so multiresistente Keime entstehen, die der Mensch bei dem Verzehr des Fleisches mit aufnimmt. Die dadurch ausgelösten Infektionen können zu schweren Erkrankungen führen, gegen die kein Antibiotika mehr wirksam ist.

Um ebendieses Problem zu lösen, sollen Antibiotika insbesondere in der industriellen Tierhaltung nicht mehr in derart hoher Menge eingesetzt werden dürfen. Das strengere Antibiotikaverbot für Tiere soll verhindern, dass sogenannte Reserveantibiotika vorbeugend an gesunde Masttiere verabreicht werden. Ein Reserveantibiotikum kann für Menschen oft lebensrettend sein, wenn andere Breitbandantibiotika bei schweren Erkrankungen aufgrund von Resistenzen keine Wirkung mehr zeigen. Auch die Bundesärztekammer sprach sich daher dafür aus, Reserveantibiotika nur an Menschen auszugeben und nicht in der Tierhaltung einzusetzen, wie das Ärzteblatt in diesem Artikel berichtet.

Die Grünen fordern deshalb, bestimmte Antibiotika für Tiere zu verbieten und stattdessen endlich die Haltungsbedingungen in der industriellen Tierhaltung zu verbessern. Die schlechten Bedingungen, unter denen die Tiere leben müssen, führen zu Problemen, die sich in ihren Augen ohnehin nicht durch die vorbeugende Gabe hoher Mengen an Antibiotika beheben lassen.

Antibiotikaverbot für Tiere – welche Tiere sind davon betroffen?

Vor allem für die industrielle Tierhaltung soll das Antibiotikaverbot greifen. Das Ziel besteht darin, dass Schweine, Hühner, Kühe und andere Nutztiere nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden dürfen, die für die Humanmedizin als Reserveantibiotika benötigt werden. Das Problem besteht aber darin, dass ein mögliches Verbot auch alle anderen Tiere – und somit auch Haustiere – betreffen wird. Ein Anwendungsverbot bestimmter Antibiotika könnte also dazu führen, dass Tierärzte auch bei erkrankten Haustieren bestimmte lebensrettende Medikamente nicht mehr einsetzen dürften. Eine Differenzierung zwischen einzelnen Tierarten sieht die EU-Verordnung 2019/06 nämlich grundsätzlich nicht vor.

Antibiotikaverbot für Tiere: vor allem in der Massentierhaltung wichtig

Wie verlief die bisherige Diskussion um das Antibiotikaverbot für Tiere?

Mitte Juli 2021 stand die Abstimmung des ENVI-Ausschusses über den Entwurf der EU-Kommission zum Antibiotikaverbot an. Der Entwurf war zuvor von zahlreichen Behörden in gemeinschaftlicher Arbeit entwickelt worden – unter anderem von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Welttiergesundheitsorganisation (OIE). Er berücksichtige die Gesundheit von Mensch und Tier.

Auch die Tierärzte zeigten sich mit diesem Entwurf einverstanden. Ihnen ist ebenfalls bewusst, dass bestimmte Reserveantibiotika nur für die Behandlung von Menschen vorbehalten sein sollten. Zudem wissen Tierärzte um die Bedeutung eines sparsamen Antibiotika-Einsatzes und versuchen daher schon seit vielen Jahren, möglichst wenig Antibiotika bei der Behandlung zu nutzen. Dadurch konnte der Einsatz dieser Medikamente seit 2012 um 60 Prozent reduziert werden.

Im Juli 2021 kam nun die große Überraschung: Nachdem die Grünen ihr Veto eingelegt hatten, stimmte die Mehrheit des ENVI-Ausschusses gegen den Entwurf und sprach sich für noch strengere Verbote aus. Demzufolge sollten alle Antibiotika für Tiere verboten werden, welche die WHO als besonders wichtig für den Menschen einschätzte. Es drohte ein komplettes Anwendungsverbot für folgende Wirkstoffe:

  • Fluorchinolonen
  • Cephalosporinen (3. und 4. Generation)
  • Polymyxinen
  • Makroliden

Allerdings werden viele dieser Antibiotika auch für die Tierbehandlung benötigt. Tierärzte und Tierhalter hatten nun Sorge, dass Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen und andere Haustiere ohne diese Antibiotika nicht mehr ausreichend gegen Lungenentzündungen oder Ohrenentzündungen behandelt werden könnten. Also setzte sich der Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) gegen das strengere Antibiotikaverbot für Tiere ein. Dabei wurde er von dem Deutschen Tierschutzbund und der Bundestierärztekammer unterstützt. Sie forderten, dass die für die Tiermedizin zugelassenen Antibiotika auch weiterhin für eine tiermedizinische Behandlung zur Verfügung stehen sollten. Dies wäre notwendig, um den Tod geliebter Hunde, Katzen und anderer Haustiere zu verhindern.

Zu welchem Ergebnis kam das EU-Parlament in seiner Abstimmung im September?

Am 16. September 2021 war es dann so weit: Das EU-Parlament stimmte über das Antibiotikaverbot für Tiere ab. Die besorgten Tierärzte konnten aufatmen, denn das Urteil fiel zu ihren Gunsten aus. Die Abgeordneten stimmten in der Mehrheit gegen das Veto der Grünen und somit für den weniger strengen ersten Entwurf. Diese Entwicklung wurde vom bpt begrüßt. Der Entwurf leiste einen wichtigen Beitrag für die Gesundheit der Menschen und stelle gleichzeitig sicher, dass Tiere weiterhin adäquat mit Antibiotika behandelt werden könnten.

Die Grünen waren enttäuscht von der Abstimmung. Sie betrachten das Ergebnis als vertane Chance und befürchten, dass die Liste der für die Menschen zurückgehaltenen Reserveantibiotika kurz ausfallen könnte. Das würde bedeuten, dass das Antibiotikaverbot für Tiere keine echte Lösung gegen die Bildung multiresistenter Bakterien wäre. Das strengere Verbot hätte in den Augen der Grünen eine höhere Transparenz und Sicherheit mit sich gebracht.

Antibiotikaverbot für Tiere – wie geht es nun weiter?

Im Januar 2022 tritt nun die bereits im Mai 2021 von der EU-Kommission vorgelegte Regelung in Kraft – der Delegierte Rechtsakt zur „Festlegung von Kriterien für die Bestimmung antimikrobieller Wirkstoffe, die der Behandlung bestimmter Infektionen beim Menschen vorbehalten sind“. Darin wird nicht definiert, welche konkreten Reserveantibiotika ausschließlich in der Humanmedizin verwendet werden dürfen. Er gibt nur vor, welche Kriterien für die Auswahl ebendieser Antibiotika berücksichtigt werden müssen. Die Liste der Wirkstoffe, die dem Menschen vorbehalten bleiben, muss bis Januar 2022 erarbeitet werden.

Entscheidend ist nun, welche Wirkstoffe tatsächlich bis zum Inkrafttreten der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung 2022 den Kriterien der Kommission entsprechend auf die schwarze Liste für Tiere kommen werden. Alle Wirkstoffe, die in der Tiermedizin weiter eingesetzt werden sollen – ganz egal, ob in der Haustier-, Nutztier- oder Zootiermedizin –, werden auf ebendieser Liste nicht auftauchen. Damit besteht aber die Gefahr, dass sie auch in Zukunft massenhaft und prophylaktisch in der industriellen Tierhaltung angewandt werden – auch für gesunde Tiere. Die Kriterien der Kommission könnten hingegen auch strenger ausgelegt werden. Das wiederum würde bedeuten, dass manche Wirkstoffe nicht mehr für die Tiermedizin verfügbar wären, sodass nicht mehr alle Erkrankungen bei Tieren adäquat behandelt werden könnten.

Fazit: Antibiotikaverbot für Tiere – ein zweischneidiges Schwert

Du siehst, es ist gar nicht so einfach, die optimale Lösung in Bezug auf das Antibiotikaverbot für Tiere zu bestimmen. Wenngleich viele Tierhalter nach der Abstimmung des EU-Parlaments im September erst einmal aufgeatmet haben, ist das Thema noch nicht vom Tisch. Es hängt nun alles davon ab, welche Wirkstoffe es wirklich auf die Liste der für Tiere verbotenen Antibiotika schaffen.

Grundsätzlich ist es ein wichtiges Anliegen, Reserveantibiotika zu schützen und zu verhindern, dass auch diese unkontrolliert und vorbeugend in der Massentierhaltung eingesetzt werden. Nur so kann die zunehmende Bildung von multiresistenten Keimen zuverlässig gestoppt werden. Überzüchtung, schlechte Haltungsbedingungen und zu viele Tiere auf engem Raum: All das trägt in der industriellen Tierhaltung dazu bei, dass es ohne den vorbeugenden Einsatz von Antibiotika heute kaum noch funktioniert. Um dieses tierunwürdige System zu beenden, kann ein Antibiotikaverbot für Tiere einen wertvollen Beitrag leisten. Denn: Das wäre möglicherweise der längst überfällige Startschuss, endlich für deutlich höhere Standards in der Tierhaltung zu sorgen.

Nach einer grundlegenden Verbesserung der industriellen Tierhaltung sollte es dann aber auch möglich sein, erkrankte Tiere mit dem notwendigen Antibiotikum zu behandeln – egal, ob es sich hierbei um ein geliebtes Haustier oder ein sogenanntes Nutztier handelt. Im Interesse der Gesundheit der Menschen und der Tiere können wir nun nur abwarten und hoffen, dass die Liste der für Tiere verbotenen Wirkstoffe sinnvoll zusammengestellt wird. Zu vermeiden sind dabei schwammige Schutzkriterien für die lebenswichtigen Reserveantibiotika, welche die Gesundheit des Menschen gefährden. Aber auch schlecht durchdachte Anwendungsverbote für Tiere, die eine adäquate tiermedizinische Behandlung erschweren, sind keinesfalls wünschenswert.

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